Deutsche Schreibschriften – Von der Kurrent zur Sütterlin

Geschichte und Merkmale der deutschen Schreibschriften: Kurrent, Sütterlin und weitere Formen – und warum sie heute weitgehend verschwunden sind.

Unter dem Begriff deutsche Schreibschriften versteht man jene Schreibhandschriften, die sich im deutschsprachigen Raum über Jahrhunderte entwickelt haben und sich deutlich von den lateinischen Schreibschriften unterscheiden. Die bekanntesten Vertreter sind die deutsche Kurrentschrift und die Sütterlinschrift.

Dieser Artikel gibt einen Überblick über ihre Entstehung, ihre Merkmale und ihren Niedergang.

Die deutsche Kurrentschrift

Die Kurrentschrift (von lateinisch currere = laufen) war über Jahrhunderte die vorherrschende Alltagsschrift im deutschen Sprachraum.

Beispiel der deutschen Kurrentschrift Illustration: Charakteristische Formen der deutschen Kurrentschrift von Andreas Praefke (gemeinfrei)

Entstehung und Verbreitung

Sie entwickelte sich aus spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kursiven und wurde ab dem 16./17. Jahrhundert zur Standard-Schreibschrift in Schulen, Verwaltung und privatem Schriftverkehr. Im Gegensatz zur lateinischen Schreibschrift besaß die Kurrent stark vereinfachte, oft spitze und gebrochene Formen.

Typische Merkmale

  • Deutliche Ober- und Unterlängen
  • Viele Buchstaben wirken eckig oder spitz
  • Bestimmte Buchstaben (z. B. e, h, s, x) weichen stark von der lateinischen Form ab
  • Die Schrift ist auf schnelles Schreiben mit der Feder ausgelegt

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein konnten die meisten Menschen im deutschsprachigen Raum Kurrent lesen und schreiben.

Die Sütterlinschrift

Anfang des 20. Jahrhunderts galt die Kurrent vielen als unregelmäßig und schwer erlernbar. Der Grafiker und Pädagoge Ludwig Sütterlin (1865–1917) entwickelte deshalb eine reformierte Schreibschrift.

Beispiel der Sütterlinschrift Illustration: Sütterlinschrift – die reformierte deutsche Schulausgangsschrift (gemeinfrei)

Einführung

Die Sütterlinschrift wurde ab 1915 in Preußen als verbindliche Schulausgangsschrift eingeführt und später in weiteren deutschen Ländern übernommen. Sie sollte:

  • einheitlicher und klarer sein als die bisherige Kurrent
  • für Kinder leichter erlernbar sein
  • weiterhin den Charakter einer deutschen Schreibschrift bewahren

Merkmale

Sütterlin wirkt im Vergleich zur älteren Kurrent ruhiger und regelmäßiger. Die Buchstabenformen sind vereinfacht, behalten aber die typischen Merkmale der deutschen Schreibschrift bei. Besonders auffällig sind die Formen von s, h, e und f.

Weitere deutsche Schreibschriften

Neben Kurrent und Sütterlin gab es weitere Ausprägungen:

  • Offenbacher Schrift von Rudolf Koch – eine künstlerisch geprägte, ausdrucksstarke Schreibschrift
  • Regionale und schulische Varianten der Kurrent
  • Gelegentliche Versuche, deutsche und lateinische Elemente zu verbinden

Offenbacher Schrift von Rudolf Koch Illustration: Offenbacher Schrift – eine künstlerische deutsche Schreibschrift von Rudolf Koch (gemeinfrei)

Diese Schriften hatten jedoch nie die gleiche Verbreitung wie Kurrent und Sütterlin.

Der Übergang zur lateinischen Schreibschrift

Ab den 1940er-Jahren wurde die deutsche Schreibschrift schrittweise verdrängt.

Beispiel der lateinischen Schreibschrift Illustration: Lateinische Schreibschrift – die nach 1941 durchgesetzte Normalschrift

Wichtige Stationen:

  • 1941 verfügte ein Erlass die Einführung der lateinischen Schreibschrift als Normalschrift
  • Nach 1945 setzte sich die lateinische Schreibschrift in beiden deutschen Staaten durch
  • In den Schulen wurde Sütterlin bzw. Kurrent nach und nach nicht mehr gelehrt

Die Gründe waren sowohl praktische (internationale Lesbarkeit, Vereinfachung) als auch politische. Damit endete eine jahrhundertelange Tradition der deutschen Schreibschrift im Alltag.

Heutige Situation und digitale Wiederbelebung

Heute können die meisten Menschen Kurrent und Sütterlin nicht mehr flüssig lesen. Die Schriften leben vor allem weiter in:

  • historischen Dokumenten und Briefen
  • genealogischen Forschungen
  • künstlerischen und gestalterischen Kontexten
  • digitalen Fonts, die Kurrent- oder Sütterlin-Formen nachbilden

Es gibt inzwischen mehrere digitale Interpretationen dieser Schriften. Sie eignen sich jedoch eher für besondere gestalterische Zwecke als für längere Lesetexte, da die Lesbarkeit für Ungeübte gering ist.

Fazit

Die deutschen Schreibschriften – allen voran Kurrent und Sütterlin – bilden ein eigenständiges Kapitel der Schriftgeschichte. Sie waren über lange Zeit das selbstverständliche Medium der handschriftlichen Kommunikation im deutschen Sprachraum und wurden erst im 20. Jahrhundert von der lateinischen Schreibschrift abgelöst.

Wer alte Briefe, Tagebücher oder Urkunden lesen möchte, kommt an diesen Schriften nicht vorbei. Für die typografische Praxis der Gegenwart spielen sie vor allem als historisches und gestalterisches Phänomen eine Rolle.


Quellen

  • Fachliteratur zur Geschichte der deutschen Schreibschrift
  • Materialien zu Ludwig Sütterlin und der preußischen Schriftreform
  • Überblicksdarstellungen zur Ablösung der deutschen durch die lateinische Schreibschrift