Geschichte der Schrift – Teil 1: Die Anfänge

Wann und wo entstand die erste Schrift? Ein Blick auf die Anfänge der Schrift in Mesopotamien und Ägypten.

Die Schrift gehört zu den wichtigsten Erfindungen der Menschheit. Sie ermöglicht es, Wissen über Generationen hinweg zu speichern, Verträge festzuhalten und komplexe Gesellschaften zu organisieren. Doch wann und wo wurde zum ersten Mal wirklich geschrieben?

Die Antwort ist weniger eindeutig, als man denken könnte – und genau das macht die Geschichte der Schrift so spannend.

Proto-Schrift und echte Schrift

Bevor es eine echte Schrift gab, nutzten Menschen bereits seit Jahrtausenden Zeichen und Symbole. Archäologen sprechen hier von Proto-Schrift. Dazu gehören zum Beispiel Kerbhölzer, Zählmarken aus Ton oder einfache Bildzeichen. Diese Systeme konnten Mengen oder Gegenstände darstellen, aber noch keine gesprochene Sprache wiedergeben.

Illustration einer Proto-Schrift Illustration einer Proto-Schrift: Frühe Zählmarken und einfache Bildzeichen

Von einer echten Schrift spricht man erst dann, wenn ein Schriftsystem in der Lage ist, eine Sprache weitgehend vollständig abzubilden – also Wörter, Laute oder grammatische Strukturen festzuhalten.

Die älteste bekannte Schrift: Mesopotamien

Nach heutigem Forschungsstand entstand die älteste gut belegte Schrift im südlichen Mesopotamien, im Gebiet des heutigen Irak. Dort entwickelten die Sumerer in der Stadt Uruk um etwa 3400–3200 v. Chr. ein Schriftsystem, aus dem später die berühmte Keilschrift hervorging.

Die frühesten Tontafeln dienten vor allem der Verwaltung: Sie dokumentierten Getreidelieferungen, Viehbestände und Abgaben. Die Schrift entstand also nicht aus literarischem Bedürfnis, sondern aus praktischen Gründen – vor allem aus der Notwendigkeit, wirtschaftliche Vorgänge in wachsenden Stadtstaaten zuverlässig festzuhalten.

Illustration einer sumerischen Keilschrift-Tontafel Illustration einer sumerischen Keilschrift-Tontafel aus Mesopotamien

Die Keilschrift wurde zunächst mit einem Schilfrohrgriffel in feuchten Ton gedrückt. Die charakteristische keilförmige Form der Zeichen gab dem Schriftsystem später seinen Namen.

Parallelentwicklung in Ägypten

Fast zur gleichen Zeit – etwa ab 3250–3200 v. Chr. – erscheinen in Ägypten die ersten Hieroglyphen. Ob die ägyptische Schrift unabhängig entstanden ist oder durch Kontakte mit Mesopotamien beeinflusst wurde, ist in der Forschung bis heute umstritten. Klar ist jedoch: Auch in Ägypten diente die Schrift zunächst vor allem administrativen und repräsentativen Zwecken.

Illustration ägyptischer Hieroglyphen Illustration ägyptischer Hieroglyphen

Schrift wurde mehrfach erfunden

Lange ging man davon aus, dass die Schrift nur einmal erfunden und dann in andere Kulturen weitergegeben wurde. Heute geht die Mehrzahl der Forscher davon aus, dass echte Schriftsysteme mehrfach unabhängig entstanden sind – mindestens in:

  • Mesopotamien (Keilschrift)
  • Ägypten (Hieroglyphen)
  • China (Orakelknochen-Schrift)

Illustration einer chinesischen Orakelknochen-Schrift Illustration einer chinesischen Orakelknochen-Schrift

  • Mesoamerika (u. a. Maya-Schrift)

Illustration der Maya-Schrift Illustration der Maya-Schrift aus Mesoamerika

Die sumerische Keilschrift bleibt jedoch das älteste weitgehend gesicherte Beispiel einer echten Schrift.

Ausblick

Mit der Erfindung der Schrift begann eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte. Aus einfachen Verwaltungszeichen entwickelten sich im Lauf der Jahrtausende Alphabete, Handschriften und schließlich die Typografie, wie wir sie heute kennen.

Im nächsten Teil dieser Serie beschäftigen wir uns damit, wie aus Bildzeichen und Silbenschriften das Alphabet entstand – und warum gerade dieses System so erfolgreich wurde.


Quellen

  • Schmandt-Besserat, Denise: Forschungen zur Entstehung der Schrift aus Zählmarken (Tokens).
  • Englund, Robert K. / Nissen, Hans J.: Untersuchungen zu den archaischen Texten aus Uruk.
  • Nissen, Hans J.: Standardwerke zur altorientalischen Geschichte.
  • World History Encyclopedia: Artikel zur Keilschrift.